Viele Eltern sind erleichtert, wenn die wiederkehrenden Bauchschmerzen ihres Kindes untersucht werden und keine zugrunde liegende organische Erkrankung festgestellt wird. Eine Studie von Forschenden der Semmelweis Universität, die im International Journal of Pediatrics veröffentlicht wurde, zeigt jedoch, dass es sich gerade dann lohnt, einige weitere Fragen zu stellen: Hat das Kind auch an anderen Körperstellen Schmerzen? Bestehen die Schmerzen seit mindestens einem Jahr? Wenn eine dieser Fragen mit Ja beantwortet wird, kann dies ein Warnzeichen sein. 

Forschende der Semmelweis Universität analysierten in einer landesweit repräsentativen Studie die Daten von 522 ungarischen Schülerinnen und Schülern im Alter von 11 bis 18 Jahren. Ihre Ergebnisse zeigen, dass Bauchschmerzen bei Jugendlichen mit funktionellen Bauchschmerzstörungen (functional abdominal pain disorders, FAPDs) häufig zusammen mit Schmerzen in anderen Körperregionen auftreten. Unter FAPDs versteht man funktionelle Störungen mit wiederkehrenden oder anhaltenden Bauchschmerzen, die sich nicht durch eine organische Erkrankung erklären lassen. Insgesamt hatten 80,6 % Schmerzen an mehreren Körperstellen, während 54,8 % einen anderen Körperbereich als den Bauch als Hauptschmerzort nannten. Am häufigsten wurden Kopfschmerzen genannt, daneben wurden auch Gelenk- und Rückenschmerzen berichtet. Bei mehr als der Hälfte der Betroffenen bestanden die Beschwerden seit mindestens einem Jahr. 

Auslöser können den Forschenden zufolge beispielsweise eine Infektion oder Entzündung sein. Wenn die Schmerzen jedoch anhalten und von Stress, Angst oder anderen psychischen Belastungen begleitet werden, kann das Schmerzsystem allmählich überempfindlich werden und auch dann so bleiben, wenn der ursprüngliche Auslöser bereits verschwunden ist. Dann können bereits relativ schwache Reize ausreichen, um Schmerzen auszulösen, und mit der Zeit können sogar normale körperliche Vorgänge – etwa die nach einer Mahlzeit einsetzende Verdauung – als schmerzhaft empfunden werden, obwohl sie normalerweise keine Beschwerden verursachen. Dies könnte erklären, warum die Schmerzen anhalten und in mehreren Körperregionen auftreten können. 

„Wenn ein schulpflichtiges Kind Bauchschmerzen hat, kann es sinnvoll sein, etwas genauer hinzusehen und zu fragen, ob es auch an anderen Stellen Schmerzen hat. Wenn das der Fall ist, kann es darauf hindeuten, dass die Schmerzen nicht einfach auf eine organische Erkrankung zurückzuführen sind, sondern Teil einer komplexeren Schmerzerkrankung. Das kann selbst dann der Fall sein, wenn bei dem Kind zuvor eine organische Erkrankung wie Zöliakie oder Morbus Crohn diagnostiziert wurde, denn diese Erkrankung muss nicht mehr die Ursache der Beschwerden sein“, sagt Dr. János Major, Erstautor der Studie, Assistenzprofessor am Institut für Verhaltenswissenschaften der Semmelweis Universität und Leiter des Ungarischen Kinderschmerzzentrums am Bethesda-Kinderkrankenhaus. 

Jugendliche mit FAPDs hatten häufiger das Gefühl, dass es in der Schule zu viele Leistungsüberprüfungen gibt, dass im Klassenzimmer nicht genügend Ruhe herrscht oder dass sie von Lehrkräften ungerecht behandelt werden. Auch Ausgrenzung durch Gleichaltrige und andere Formen von Mobbing kamen bei ihnen häufiger vor. 

Die Forschenden untersuchten außerdem die gesundheitsbezogene Lebensqualität (health-related quality of life, HRQOL) der betroffenen Kinder. Sie bewerteten dabei nicht nur die körperliche Funktionsfähigkeit, sondern auch die emotionale und soziale Funktionsfähigkeit sowie den schulischen Alltag. Die Fragen zur emotionalen Funktionsfähigkeit bezogen sich unter anderem auf Angst, Traurigkeit, Wut, Schlafprobleme und Sorgen. Im sozialen Bereich wurde untersucht, wie die Kinder mit Gleichaltrigen zurechtkamen, beispielsweise ob sie ausgegrenzt oder gehänselt wurden und wie gut sie sich in die Gruppe integrieren konnten. Im schulischen Bereich wurde unter anderem untersucht, wie gut sie sich konzentrieren und mit dem Schulstoff Schritt halten konnten und wie viele Schultage sie aufgrund von Unwohlsein oder Arztterminen versäumten. 

Der Studie zufolge wiesen Jugendliche mit FAPDs in allen untersuchten Bereichen eine signifikant geringere Lebensqualität auf, und bei 14,5 % lagen die Gesamtwerte der HRQOL im extrem niedrigen Bereich. Verbales Mobbing – etwa Hänseln, Verspotten oder Beschimpfen – war ebenfalls mit einer extrem niedrigen Lebensqualität assoziiert. Die Betroffenen versäumten außerdem mehr Schultage; regelmäßiger Schmerzmittelgebrauch kam bei ihnen ebenfalls häufiger vor. 

Die Forschenden betonen daher, dass diese Beschwerden ernst genommen werden sollten. Ohne Behandlung verschwinden die zugrunde liegenden Faktoren nicht zwangsläufig von selbst, und die Schmerzen können bis ins Erwachsenenalter fortbestehen und die Lebensqualität sowie den Alltag erheblich beeinträchtigen. Langfristig können anhaltende starke Schmerzen das Gesundheitssystem erheblich belasten, es Betroffenen erschweren, im Berufsleben zu bleiben, und in schweren Fällen sogar zu einer frühen Erwerbsunfähigkeit führen. 

„Eltern neigen häufig dazu, das Problem herunterzuspielen und zu sagen, es werde schon vorbeigehen oder sich mit der Zeit auswachsen. Das Problem ist, dass die Faktoren, die die Schmerzen auslösen oder aufrechterhalten, nicht unbedingt von selbst verschwinden“, sagt Dr. Szilvia Ádám, Letztautorin der Studie und Universitätsdozentin am Ausbildungszentrum für Gesundheitsdienstleistungsmanagement der Semmelweis Universität. 

Mit geeigneter Unterstützung lässt sich die Erkrankung gut behandeln. In manchen Fällen können bereits ein Schulwechsel oder eine kurze Psychotherapie deutlich helfen. Eine im Kindesalter begonnene Schmerztherapie kann zudem die Wahrscheinlichkeit verringern, dass die Schmerzen dauerhaft bestehen bleiben oder im Erwachsenenalter erneut auftreten. 

Fotos: Boglárka Zellei – Semmelweis Universität
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