Forscherinnen und Forscher der Semmelweis Universität untersuchten den Zusammenhang zwischen Traumata in der Kindheit und dem Suizidrisiko im Erwachsenenalter bei 300 stationär behandelten psychiatrischen Patientinnen und Patienten. Einer im European Journal of Psychotraumatology veröffentlichten Studie zufolge könnten sowohl emotionale als auch körperliche Vernachlässigung mit wiederholten Suizidversuchen in Zusammenhang stehen. Während sich frühere ungarische und internationale Studien vor allem mit den Folgen körperlicher und sexueller Misshandlung befasst haben, wurde der Einfluss verschiedener Formen von Vernachlässigung bislang weniger untersucht.
Misshandlung und Vernachlässigung in der Kindheit sowie suizidales Verhalten stellen bedeutende Herausforderungen für die öffentliche Gesundheit dar. Zahlreiche frühere Studien haben den Zusammenhang zwischen diesen Faktoren bestätigt. Weniger bekannt ist jedoch, wie bestimmte Formen von Kindheitstraumata mit wiederholten Suizidversuchen zusammenhängen. Die Forschenden untersuchten zudem, ob sich Personen mit einem einmaligen Suizidversuch hinsichtlich ihrer Kindheitstraumata von Personen mit mehreren Suizidversuchen unterschieden.
Unter den 300 in die Studie einbezogenen psychiatrischen Patientinnen und Patienten war emotionale Vernachlässigung die häufigste Form von Kindheitstrauma (93 Prozent). Mehr als 90 Prozent der Teilnehmenden berichteten zudem von mindestens zwei unterschiedlichen Formen von Kindheitstraumata. Die Studie zeigte, dass verschiedene Traumata häufig gemeinsam auftreten und sich ihre Auswirkungen summieren können. Darüber hinaus war ein höheres Ausmaß körperlicher Vernachlässigung mit einer größeren Wahrscheinlichkeit wiederholter Suizidversuche verbunden. Da die Untersuchung unter stationär behandelten psychiatrischen Patientinnen und Patienten durchgeführt wurde, lassen sich die Ergebnisse nicht auf die Gesamtbevölkerung übertragen.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Vernachlässigung schwerwiegende und langfristige Folgen haben kann. Daher sollte ihre Bedeutung keinesfalls unterschätzt werden“, erklärte Noémi Szeifert, klinische Psychologin am Szent Rókus Gesundheitszentrum der Semmelweis Universität und Erstautorin der Studie.
Von Vernachlässigung spricht man, wenn die grundlegenden körperlichen oder emotionalen Bedürfnisse eines Kindes dauerhaft unerfüllt bleiben. Emotionale Vernachlässigung bedeutet einen anhaltenden Mangel an emotionaler Unterstützung und Sicherheit. Körperliche Vernachlässigung bezeichnet hingegen das fortgesetzte Versäumnis, die grundlegenden körperlichen Bedürfnisse eines Kindes zu erfüllen, etwa hinsichtlich angemessener Ernährung, Kleidung oder medizinischer Versorgung.
Gleichzeitig weist die Studie darauf hin, dass kein unmittelbarer Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen Kindheitstraumata und späterem suizidalem Verhalten nachgewiesen werden kann. Suizidales Verhalten ist ein komplexes Phänomen, das durch das Zusammenwirken biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren beeinflusst wird. Kindheitstraumata können die langfristige Verletzlichkeit erhöhen und später mit psychischen Erkrankungen sowie problematischem Substanzkonsum in Zusammenhang stehen. Diese späteren Folgen können jedoch auch durch zahlreiche Schutzfaktoren beeinflusst werden, etwa durch stabile familiäre und soziale Beziehungen.
„Obwohl unsere Studie den Zusammenhang zwischen frühen Traumata und dem Suizidrisiko im Erwachsenenalter stützt, ist weitere Forschung erforderlich, um genauer zu verstehen, welche Faktoren diesen Zusammenhang erklären“, sagte Dr. Xénia Gonda, außerordentliche Professorin und Leiterin des Lehrstuhls für Klinische Psychologie an der Semmelweis Universität sowie Letztautorin der Studie.
Misshandlung und Vernachlässigung in der Kindheit weisen nicht immer eindeutige, leicht erkennbare Anzeichen auf. Bestimmte Veränderungen können jedoch Warnsignale sein, auch wenn ein Kind nicht über seine Erfahrungen spricht. Dazu zählen erhebliche oder anhaltende Verhaltensänderungen, verstärkte Angst, sozialer Rückzug oder das Meiden von Aktivitäten, die zuvor Freude bereitet haben, einschließlich sozialer und gemeinschaftlicher Aktivitäten. Diese Anzeichen allein beweisen nicht, dass ein Kind Misshandlung oder Vernachlässigung erlebt. Sie können jedoch darauf hindeuten, dass das Kind belastet ist und Unterstützung benötigt.
Misshandlung und Vernachlässigung bleiben jedoch häufig verborgen, weil viele Betroffene aus Angst oder aus Sorge vor den möglichen Folgen nicht über ihre Erlebnisse sprechen. Einer früheren Schätzung aus Ungarn zufolge wird nur jeder dreißigste Fall von Kindesmisshandlung oder Vernachlässigung in offiziellen Statistiken erfasst.
Wenn Sie selbst oder jemand in Ihrem Umfeld in einer Krise ist, wenden Sie sich bitte an eine örtliche Krisen- oder psychosoziale Beratungsstelle.
Bálint Győrfi
Foto: Márta Csorba; Boglárka Zellei – Semmelweis Universität
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