Im neuesten Teil unserer Alumni-Interviewreihe blickt Dr. Michael Liebrenz, außerordentlicher Professor für Forensische Psychiatrie und Leiter des Forensisch-Psychiatrischen Dienstes (FPD) an der Universität Bern sowie Vorsitzender des Internationalen Instituts für Geopsychiatrie, auf seine Jahre an der Semmelweis Universität und auf seine anschließende Tätigkeit in den Bereichen forensische Psychiatrie, Geopsychiatrie und Sportpsychiatrie zurück.

Was hat Sie dazu bewogen, Ihr Medizinstudium an der Semmelweis Universität zu beginnen?

Budapest war meine erste Wahl, auch wenn mein Weg etwas unkonventionell verlief. Ich wuchs in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) auf, und das war nur wenige Jahre nach der Wiedervereinigung. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mehrere renommierte Universitäten in Westdeutschland anrief und oft gefragt wurde: „Warum bleiben Sie nicht im Osten?“

In Budapest war das anders. Entscheidend war, ob ich die akademischen Anforderungen erfüllen konnte, was mir bemerkenswert meritokratisch erschien. Ich stamme aus einer Medizinerfamilie, daher kam mir die Struktur des frühen Studienplans vertraut vor, weil sie der Tradition der medizinischen Ausbildung, die zu Hause gerade reformiert wurde, ähnlich war.

Ich fand Budapest faszinierend. Nach 1989 durchlief Ungarn einen grundlegenden politischen Wandel. Leider war mein Ungarisch nie gut genug für all die Gespräche, die ich gerne geführt hätte, dennoch fühlte ich mich verbunden mit Menschen, deren Biographien von der Geschichte auf eine Weise umgeschrieben worden waren, die einer in der DDR aufgewachsenen Person vertraut war.

Die Studienkultur an der Semmelweis war anspruchsvoll. Der Stoffumfang war enorm, und Budapest hat mir vielleicht eine der wichtigsten Fähigkeiten vermittelt: wie man lernt. Ich habe gelernt, wie man eine einschüchternde Menge an Wissen in etwas Überschaubares verwandelt.

Als ich später mein Studium an der LMU München fortsetzte, insbesondere als mündliche Prüfungen im letzten Staatsexamen wieder eine zentrale Rolle spielten, begegnete mir etwas, das mir aus meiner Zeit in Budapest sehr bekannt vorkam: vor Prüfern zu stehen, mein Wissen zu ordnen, Zusammenhänge herzustellen und meine Argumentation zu erläutern. Da wurde mir klar, dass mich die Demonstrationen, Kolloquien und Rigorosa an der Semmelweis Universität in mehr als nur Faktenwissen geschult hatten.

Ich möchte den Druck, den wir erlebten, nicht romantisieren. Während meiner zwei Jahre in Budapest erkrankte ich einmal an Salmonellose und musste trotzdem meine Prüfungen bewältigen. Aber die Semmelweis lehrte mich Disziplin, Selbstorganisation und das Vertrauen darauf, dass sich auch sehr komplexe Probleme in kleine Schritte zerlegen und meistern lassen.

Erinnern Sie sich an bestimmte Professoren oder Mentoren von der Semmelweis Universität, die einen bleibenden Einfluss auf Sie hatten?

Da fällt mir sofort Professor Ágoston Szél ein. Er unterrichtete Anatomie in unserer Seminargruppe und wurde später Institutsleiter sowie Rektor der Semmelweis Universität. Trotz seiner akademischen Erfolge betrachtete er die Lehre im Grundstudium nicht als weniger wichtig, auch wenn seine wissenschaftliche Karriere voranschritt. Wenn ich heute Studierende betreue oder unterrichte, versuche ich, seinem Beispiel zu folgen. Dr. Ágoston Szél hat gezeigt, dass eine ehrgeizige akademische Karriere und persönliches Engagement für Studierende sich nicht gegenseitig ausschließen.

Es gibt noch einen viel persönlicheren Grund, warum mir die Semmelweis bis heute wichtig geblieben ist. Meine zukünftige Frau Ana war in meiner Seminargruppe, und seitdem begleiten wir uns gegenseitig auf unserem persönlichen und beruflichen Weg.

Mir ist auch aufgefallen, wie weitreichend die Semmelweis-Gemeinschaft ist. Ich habe Kollegen auf der ganzen Welt kennengelernt und festgestellt, dass auch sie in Budapest studiert hatten. Fast drei Jahrzehnte später stoße ich immer noch auf Spuren von Budapest an Orten, an denen ich es niemals erwartet hätte.

Gab es einen bestimmten Moment oder eine bestimmte Erfahrung während Ihrer medizinischen Ausbildung, die Sie dazu bewogen hat, eine Karriere in der Psychiatrie einzuschlagen?

Die Anzeichen waren von Anfang an da. Ich habe noch immer mein altes „leckekönyv“, das kleine schwarze Studienbuch, in dem unsere Kurse und Noten festgehalten wurden. Mir ist aufgefallen, dass Medizinische Psychologie und Soziologie zu den Fächern gehörten, in denen ich an der Semmelweis Universität meine besten Noten erhielt. Es waren Nebenfächer im Curriculum, aber ich fand sie faszinierend und wurde von den Lehrenden sehr ermutigt.

Später, während meiner klinischen Ausbildung, wurde mir klar, dass es mir Spaß machte, etwas über die Geschichte der Patient:innen zu erfahren und mehr als nur ihre Symptome zu verstehen – darunter, woher jemand kam, was in seinem Leben passiert war und wie all dies mit seiner Erkrankung zusammenhängen könnte. Die Psychiatrie ermöglichte es mir schließlich, diesen Fragen besser nachzugehen.

Während meiner ersten Nachtschicht als Assistenzarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich war ich plötzlich für ein Krankenhaus mit 300 Betten verantwortlich. Irgendwann in dieser Nacht dachte ich an Budapest zurück. Die Semmelweis Universität hatte mir schon früh beigebracht, dass selbst eine Situation, die zunächst überwältigend erscheint, systematisch angegangen werden kann.

Viele junge Ärzt:innen zögern, sich auf sehr enge Fachgebiete zu spezialisieren. Was hat Sie davon überzeugt, dass die forensische Psychiatrie der richtige Weg für Sie ist?

Mich hat die Schnittstelle zwischen Medizin, Psychiatrie und Recht in der forensischen Psychiatrie fasziniert. Selbst wenn jemand eine schwere Straftat begeht, besteht die Aufgabe des Psychiaters nicht darin, zu entscheiden, ob diese Person „böse“ ist. Wir stellen andere Fragen: Liegt eine psychische Störung vor? Hat sie das Verhalten der Person beeinflusst, und was lässt sich vernünftigerweise über zukünftige Risiken sagen? Kann eine Behandlung daran etwas ändern? Wo liegen die Grenzen unserer Fähigkeit, vorherzusagen, was ein anderer Mensch tun wird?

Diese Verbindung zwischen den Disziplinen hat mir schon immer Spaß gemacht. Mein Werdegang umfasste Sozial- und forensische Psychiatrie in der Schweiz, psychiatrische Begutachtung und einen Aufenthalt als Gastwissenschaftler an der Columbia University in New York, bevor ich Professor und Leiter des Forensisch-Psychiatrischen Dienstes (FPD) an der Universität Bern wurde. Diese Interdisziplinarität hat meine wissenschaftliche Arbeit in die Bereiche künstliche Intelligenz, digitale psychische Gesundheit, Geopsychiatrie und zuletzt Sportpsychiatrie geführt.

Die Zusammenarbeit mit Spitzensportler:innen und -organisationen, darunter die Union Cycliste Internationale und Swiss Cycling, hat mein Interesse an Übergangsphasen wie Verletzungen, Genesung und Karriereende geweckt. Außergewöhnliche körperliche Leistungen schützen niemanden vor psychischen Erkrankungen. Um eine wirksame psychiatrische Versorgung zu gewährleisten, ist es entscheidend, die besonderen Herausforderungen und Realitäten des Spitzensports zu verstehen. Anstatt lediglich standardisierte klinische Modelle an diesen Kontext anzupassen, ist es unerlässlich, den Ansatz auf die spezifischen Bedürfnisse dieser Sportler:innen zuzuschneiden.

Sie beschäftigen sich mit dem aufstrebenden Gebiet der Geopsychiatrie. Könnten Sie dieses Konzept erläutern und erklären, warum es heute von Bedeutung ist?

In der Medizin müssen wir Genetik, Neurobiologie, individuelle Psychologie und das soziale Umfeld einer Person berücksichtigen. Das Umfeld reicht jedoch über Familie, Arbeitsplatz und Wohngegend hinaus. Krieg, Migration, wirtschaftliche Ungleichheit, Klimawandel und der Zugang zu Ressourcen können letztlich die psychische Gesundheit jedes Einzelnen beeinflussen. Die Geopsychiatrie wendet das biopsychosoziale Modell auf diese Makroebene an.

Meine frühere Arbeit in der Sozialpsychiatrie mit Menschen, die mit Suchterkrankungen und Doppeldiagnosen zu kämpfen hatten, sowie meine späteren Erfahrungen in der forensischen Psychiatrie und mit inhaftierten Migrant:innen weckten zunehmend mein Interesse an diesen kontextuellen Faktoren. Ich finde es faszinierend, dass Psychiater:innen in Buenos Aires, Kairo, Neu-Delhi, Shanghai oder Bern über dieselben Störungen diskutieren können, obwohl die Kontexte, in denen sich diese Störungen entwickeln und in denen die Versorgung stattfindet, grundlegend unterschiedlich sein können.

Dies trug schließlich zur Gründung des Internationalen Instituts für Geopsychiatrie bei. Entstanden aus der Arbeit an der Universität Bern, verbindet das Institut heute Kolleg:innen und Kooperationszentren auf der ganzen Welt.

Auf welche Erfolge oder Leistungen sind Sie besonders stolz, wenn Sie auf Ihre bisherige Karriere zurückblicken?

Von außen betrachtet lässt sich eine akademische Karriere relativ leicht messen. Mit 30 wurde ich Oberarzt und mit 36 Professor. Am stolzesten bin ich jedoch darauf, zu sehen, wie die Menschen, die ich betreuen durfte, auf eigenen Beinen stehen, zu unabhängigen Forscher:innen werden und selbst zu Professor:innen ernannt werden. Das ist für mich eine der bedeutungsvollsten Formen akademischer Wirkung: Wissen und Ideen, die durch Menschen weiterleben.

Auf meine anderen Errungenschaften bin ich stolz, weil sie zeigen, dass akademische Arbeit über den universitären Rahmen hinausreichen kann. So trug beispielsweise unsere Forschung zu Substanzgebrauchsstörungen 2019 zu grundlegenden Änderungen in der Rechtsprechung des Schweizerischen Bundesgerichts bei. Viele Jahre lang wurden Menschen mit Suchterkrankungen bei der Beurteilung der Erwerbsunfähigkeit anders behandelt als Patient:innen mit anderen psychiatrischen Störungen. Einige der Arbeiten, die sich letztlich am wichtigsten erwiesen, wurden nicht in einflussreichen internationalen medizinischen Fachzeitschriften veröffentlicht, sondern in Schweizer juristischen Fachzeitschriften, wodurch sie das Publikum erreichten, das die bestehende Praxis ändern konnte.

In jüngerer Zeit habe ich in meiner Funktion als Präsident der Eidgenössischen Kommission für Qualitätssicherung in der medizinischen Begutachtung einen ähnlichen Prozess auf institutioneller Ebene beobachtet, bei dem Fragen zur Qualität medizinischer Begutachtungen schlussendlich bis ins Schweizer Parlament gelangten.

Ein weiterer wertvoller Aspekt ist die Bereitschaft, frühe Entwicklungen zu erforschen – von meiner Doktorarbeit über die wiederholte Ketaminbehandlung bei therapieresistenter Depression im Jahr 2007 bis hin dazu, dass wir Anfang 2023 zu den ersten medizinischen Gruppen gehörten, die sich mit generativen KI-Chatbots und deren Auswirkungen auseinandersetzten.

Anna Zs. Tóth – Direktorat für Internationale Beziehungen und Alumni-Angelegenheiten
Übersetzung: Dr. Balázs Csizmadia
Foto: Dr. Michael Liebrenz