Bestimmte alkalische Mineral- und Heilwässer können den magensaftresistenten Überzug von Arzneimitteln bereits innerhalb weniger Minuten beeinträchtigen und dadurch ihre Wirksamkeit verringern. Dies zeigt eine neue Studie der Semmelweis Universität. Die in der Fachzeitschrift Pharmaceutics veröffentlichte Untersuchung ergab, dass eine zu frühe Freisetzung des Wirkstoffs im Magen statt erst im Darm die Wirksamkeit bestimmter Refluxmedikamente, magenschützender Präparate, psychiatrischer Arzneimittel oder entzündungshemmender Schmerzmittel verringern kann – in extremen Fällen sogar vollständig aufheben könnte. 

Forschende der Semmelweis Universität untersuchten, wie verschiedene Flüssigkeiten magensaftresistente Arzneimittel beeinflussen. Insgesamt wurden 22 häufig konsumierte Getränke analysiert. Sieben davon – darunter mehrere Mineral- und Heilwässer, Leitungswasser, gefiltertes Wasser sowie Apfelsaft – wurden unter Laborbedingungen detailliert untersucht.  

Magensaftresistente Arzneimittel sind so konzipiert, dass der Wirkstoff nicht im Magen, sondern erst später im Darm freigesetzt wird. Dies ist wichtig, weil manche Wirkstoffe durch die Magensäure abgebaut würden, während andere die Magenschleimhaut reizen können. Solche Überzüge werden unter anderem bei bestimmten Refluxmedikamenten, entzündungshemmenden Schmerzmitteln und Verdauungsenzympräparaten eingesetzt.

Die stärksten Veränderungen zeigten sich bei alkalischen Flaschenwässern mit hohem Mineralstoffgehalt. Nach Angaben der Forschenden könnten nicht nur die Alkalität des Wassers, sondern auch dessen hoher Mineralstoff- und Ionengehalt zu einer schnelleren Auflösung des Schutzüberzugs beigetragen haben. Dieser Effekt war bei einigen Heilwässern besonders ausgeprägt. In manchen Fällen begann der magensaftresistente Überzug bereits nach fünf Minuten Schaden zu nehmen. Nach einer Vorinkubationszeit von 15 bis 30 Minuten waren teilweise bereits mehr als 90 Prozent des Wirkstoffs vorzeitig freigesetzt worden.

Säurehaltigere Flüssigkeiten verursachten dagegen deutlich weniger Schäden am magensaftresistenten Überzug. Bei Apfelsaft wurde zu Beginn der Untersuchungen beispielsweise nahezu keine vorzeitige Wirkstofffreisetzung beobachtet, was darauf hindeutet, dass der Überzug wesentlich stabiler blieb als in alkalischen Wässern.

„Das kleine Arzneimittelpartikel weiß nicht, ob es sich bereits im Darm befindet oder noch in einem Glas liegt. Ist der pH-Wert der Umgebung ähnlich, kann sich der Überzug auf dieselbe Weise auflösen. Für Fachleute ist es selbstverständlich, Medikamente mit einfachem Leitungswasser einzunehmen. Für Patientinnen und Patienten ist das heute jedoch nicht immer offensichtlich, da eine große Auswahl an Mineral- und Heilwässern erhältlich ist“, erklärt Dr. Nikolett Kállai-Szabó, außerordentliche Professorin an der Fakultät für Pharmazeutische Wissenschaften der Semmelweis Universität und Seniorautorin der Studie.

Die Forschenden analysierten außerdem die Fachinformationen (Summary of Product Characteristics, SmPCs) von 103 magensaftresistenten Arzneimitteln. In 42 Fällen wurde nicht angegeben, mit welcher Flüssigkeit das Medikament eingenommen werden sollte. In weiteren 31 Fällen war lediglich von „Flüssigkeit“ die Rede, während 21 Fachinformationen lediglich „Wasser“ ohne weitere Erläuterung nannten. Nur neun SmPCs enthielten konkrete Empfehlungen dazu, mit welchem Getränk das Arzneimittel eingenommen oder vermischt werden sollte, beispielsweise mit Apfelsaft oder einer anderen leicht sauren Flüssigkeit. 

Besonders relevant könnten die Ergebnisse für Menschen sein, die aufgrund von Schluckbeschwerden Hartkapseln öffnen und deren Inhalt mit Flüssigkeiten, Joghurt oder Apfelmus vermischen. Ältere Menschen, Kinder sowie Patientinnen und Patienten mit vorübergehenden Halsschmerzen oder Schluckbeschwerden geraten häufig in eine solche Situation. 

„In der Apotheke sehen wir regelmäßig, dass vielen Patientinnen und Patienten nicht bewusst ist, wie wichtig die Flüssigkeit sein kann, mit der sie ihre Medikamente einnehmen. Auch dies kann sich darauf auswirken, ob eine Behandlung wie vorgesehen wirkt“, sagt Adrienn Demeter, Doktorandin an der Fakultät für Pharmazeutische Wissenschaften der Semmelweis Universität und Erstautorin der Studie. 

Die Forschenden betonen, dass die Ergebnisse nicht bedeuten, dass Mineral- oder Heilwässer grundsätzlich problematisch sind. Die wichtigste Botschaft lautet vielmehr, dass magensaftresistente Arzneimittel möglichst mit einfachem Leitungswasser eingenommen werden sollten. Zudem sollte vor dem Öffnen von Kapseln oder dem Teilen von Tabletten Rücksprache mit einer Apothekerin, einem Apotheker oder einer Ärztin beziehungsweise einem Arzt gehalten werden. 

Róbert Cseszregi
Foto: Boglárka Zellei – Semmelweis Universität