Im neuesten Teil unserer Alumni-Interviewreihe spricht Dr. Thomas Pechacek, Allgemeinmediziner, Zahnarzt und Honorarkonsul von Gambia in Deutschland, über seinen beruflichen Werdegang als Kiefer- und Gesichtschirurg und Leiter einer Zahnklinik in Köln; er erzählt auch, was es für ihn bedeutet, Alumnus der Semmelweis Universität zu sein.

Dr. Thomas Pechacek schloss 1989 sein Studium der Allgemeinmedizin und 1992 das der Zahnmedizin an der Semmelweis Universität ab. Nach seinem Grundstudium an der Semmelweis Universität absolvierte er eine hochspezialisierte Weiterbildung in Schädelbasischirurgie am Inselspital der Universität Bern in der Schweiz. Er ist Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg sowie Implantologe. Im Jahr 2000 gründete er eine Privatklinik in Köln, was einen Wechsel von der klinischen Praxis zum Unternehmertum bedeutete. In der zweiten Phase seiner Karriere mündete sein beruflicher Erfolg in ein umfangreiches philanthropisches Engagement. Als Honorarkonsul der Republik Gambia widmet sich Dr. Thomas Pechacek der Förderung der medizinischen Infrastruktur und der Gründung von Bildungseinrichtungen in Westafrika.

Was war der Grund für Ihre Entscheidung, Medizin und Zahnmedizin zu studieren?

Die Richtung in die Doppelapprobation war das Ergebnis einer tiefen fachlichen Faszination, verbunden mit strategischer Entschlossenheit. Doch erst die Einblicke in die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (MKG) lösten eine Begeisterung aus, die richtungsweisend für meine gesamte Karriere wurde.

Um die Facharztausbildung in diesem hochspezialisierten Bereich absolvieren zu können, ist in Europa zwingend die Approbation sowohl in der Humanmedizin als auch in der Zahnmedizin erforderlich. Dieser anspruchsvolle Weg hat meine Lebensziele in idealer Weise erfüllt: Er ermöglichte mir den Zugang zu einer chirurgischen Disziplin, die handwerkliche Präzision mit tiefgreifender medizinischer Verantwortung verbindet.

Wie hat sich Ihr Interesse an der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie entwickelt?

Als Sohn einer Allgemeinmedizinerin und eines Pathologen war mein Weg in die Medizin fast teleologisch vorgezeichnet. Mich faszinierte früh die Chirurgie als Schnittstelle zwischen Handwerk und Kunst.

In der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie operieren wir am unmittelbarsten Ausdrucksbereich des Menschen: dem Gesicht. Die Möglichkeit, durch rekonstruktive Eingriffe das Erscheinungsbild – und damit das Selbstwertgefühl – eines Menschen positiv zu korrespondieren, wurde zu meinem zentralen Antrieb.

Was war das Nützlichste, was Sie an Ihrer Alma Mater in Ungarn gelernt haben?

Mein Studium in Ungarn war weit mehr als eine rein fachliche Ausbildung; es war eine fundamentale Schule der Resilienz.

Der Erwerb der ungarischen Sprache stellte eine immense kognitive Herausforderung dar. Die Notwendigkeit, komplexe medizinische Sachverhalte in einer Fremdsprache zu erfassen und zu kommunizieren, schärfte meine Präzision im Ausdruck – eine Fähigkeit, die in der Chirurgie von unschätzbarem Wert ist, wo in der Kommunikation mit dem Team und dem Patienten jedes Wort zählt.

Ein wesentliches Distinktionsmerkmal der Semmelweis Universität war die Qualität der pädagogischen Betreuung. Die Professorenschaft und das Lehrteam verstanden sich nicht lediglich als Distributoren von Faktenwissen, sondern als Mentoren der ärztlichen Persönlichkeit. Ich darf mit Überzeugung konstatieren, dass dieses Maß an didaktischer Intensität und persönlicher Unterstützung an westdeutschen Universitäten, die oft durch eine bürokratische Distanz zwischen Lehrenden und Lernenden charakterisiert sind, kaum zu finden ist.

Das ungarische Medizinstudium lehrte mich, effizient, strukturiert und konsequent zielorientiert zu arbeiten. Die Semmelweis Universität vermittelte uns nicht nur das „Was“ der Medizin, sondern vor allem das „Wie“ des ärztlichen Seins.

Könnten Sie bitte erzählen, wie sich Ihre Karriere nach Ihrer Zeit an der Semmelweis Universität entwickelt hat?

Trotz meiner beiden akademischen Abschlüsse gestaltete sich der berufliche Wiedereinstieg in Deutschland als ein Unterfangen von unerwarteter Komplexität.

Nach meinem langjährigen Aufenthalt in Ungarn sah ich mich mit dem Phänomen des „Netzwerk-Erosionsprozesses“ konfrontiert. Als ich 1992 meine Tätigkeit als Assistenzarzt an der Universitätsklinik Dresden aufnahm, befand sich Ostdeutschland in einer Phase der totalen Transition. Die Erkenntnis, dass die Dresdner Strukturen meinen Ambitionen einer spezialisierten Ausbildung nicht gerecht werden konnten, führte zu der Entscheidung: Der Wechsel an das Inselspital der Universität Bern in der Schweiz.

Diese Phase war mehr als ein bloßer Ortswechsel: Sie war ein Schritt in ein Umfeld, das durch seine technologische und methodische Vorreiterrolle geprägt war. Ein zentraler Wendepunkt war die intensive Auseinandersetzung mit der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Hier agierte ich an der hochsensiblen Schnittstelle zur Neurochirurgie sowie zur Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde.

Das Inselspital fungierte zudem als globaler Kristallisationspunkt. Ich war in einen kontinuierlichen Dialog mit delegierten Ärzten aus der ganzen Welt eingebunden. Dieser internationale Wissenstransfer erlaubte es mir, Techniken zu perfektionieren, die eine maximale Übersicht bei minimalem Trauma ermöglichten.

Welche Möglichkeiten haben Ihnen geholfen, Ihre eigene Privatpraxis aufzubauen?

Die Herausforderung im Übergang vom klinisch tätigen Facharzt zum geschäftsführenden Gesellschafter einer Privatklinik im Jahr 2000 markierte eine fundamentale Zäsur in meiner Biografie.

Der Aufbau einer Klinik im urbanen Zentrum von Köln erforderte eine signifikante Kapitalallokation. Dies umfasste nicht nur die Finanzierung hochspezialisierter Medizintechnik, sondern auch die Vorhaltung von OP-Einheiten sowie stationärer Pflegekapazitäten.

Ein wesentlicher ökonomischer Faktor war dabei die Verkürzung der Patient Journey. Durch die Integration von Diagnostik, ambulanter Chirurgie unterschiedlicher medizinischer Disziplinen und stationärer Nachsorge unter einem Dach schufen wir Synergieeffekte, die nicht nur die Kosteneffizienz steigerten, sondern auch die medizinische Ergebnisqualität durch eine lückenlose Betreuung (Continuity of Care) optimierten.

Ein entscheidender Aspekt der ökonomischen Architektur war das Human Capital Management. Ein Team von zwölf Ärztinnen und Ärzten sowie rund 35 Mitarbeitenden zu führen, verlangt nach einer klaren Corporate Governance. Wir implementierten ein Qualitätsmanagementsystem, das eine „High-Performance-Kultur“ etablierte, in der die ökonomische Verantwortung jedes Einzelnen mit dem ärztlichen Ethos der bestmöglichen Patientenversorgung harmonisiert wurde.

Was hat Sie bei Ihrer Arbeit am meisten dabei unterstützt, Fähigkeiten zu erwerben?

Auf die Frage, was meine chirurgischen Fähigkeiten am maßgeblichsten geprägt hat, antworte ich stets: Chirurgie ist kein Leistungssport. Vielmehr ist Chirurgie eine hochdisziplinierte Arbeit.

Ihr Fundament ist die Übernahme von Verantwortung und die ehrliche Selbsteinschätzung; man darf Operationen nur bis zu dem Punkt führen, den man sicher beherrscht. Ein schrittweises Vorgehen, frei von Selbstüberschätzung, ist der einzige Pfad zu einer wahren, perfekten Spezialisierung.

Abgesehen von der manuellen Geschicklichkeit basiert die wahre Befähigung, ein exzellenter Chirurg zu werden, vor allem auf der Kontinuität. Man muss die tägliche chirurgische Praxis als eine Notwendigkeit begreifen, genauso, wie ein Piano-Virtuose: Nur durch konsequentes, tägliches Üben lässt sich wahre Meisterschaft erlangen und bewahren.

Was motiviert Sie am meisten?

Meine größte Motivation speist sich aus zwei Quellen. Zum einen empfinde ich, eine Klinikstruktur aufgebaut zu haben, deren Renommee weit über die regionalen Grenzen hinausreicht.

Zum anderen ist es die tägliche Resonanz unserer Arbeit: die sichtbaren Erfolge unserer Behandlungen und das Glück der Patienten. Die Dankbarkeit, die man als Arzt erlebt, ist der stärkste Antrieb für mein tägliches Handeln.

Wohin investieren Sie Ihre Zeit und Fachkompetenz, nachdem Sie Ihre erfolgreiche Klinik verkauft haben?

Mit 59 Jahren veräußerte ich meine Klinik, um meine Energien umzuwidmen. Als Honorarkonsul der Republik Gambia trage ich nun Verantwortung auf einer anderen Ebene.

Mein Engagement konzentriert sich primär auf die Bildungsinfrastruktur in Westafrika, der Republik Gambia. Der Aufbau von Grundschulen ist fundamental, da Bildung die einzige nachhaltige Prävention gegen Armut darstellt. Zudem unterstützen wir Projekte zur medizinischen Grundversorgung.

Welche Botschaft können Sie an Medizinstudierende richten?

Mein dringender Rat an Sie lautet: Begreifen Sie das Studium nicht als einen Prozess des kumulativen Auswendiglernens. In einer Ära, in der Faktenwissen durch künstliche Intelligenz und digitale Datenbanken ubiquitär verfügbar ist, verschiebt sich die Rolle des Arztes. Bewahren Sie sich die intellektuelle Neugier und die Freude am klinischen Denken.

Gleichzeitig rufe ich meine Kolleginnen und Kollegen dazu auf, den Blick über die Grenzen der eigenen Praxis oder Klinik hinaus zu schärfen. Wir haben das Glück, in einem der am besten entwickelten Gesundheitssysteme der Welt tätig zu sein. Doch unsere Verantwortung endet nicht an den nationalen Grenzen.

Es bedarf keiner globalen Stiftung, um Schulen zu bauen oder die medizinische Basisversorgung in Westafrika zu stabilisieren; es bedarf lediglich der Entschlossenheit, einen Teil unseres Erfolgs an die Weltgemeinschaft zurückzugeben.

Hanna Szekeres – Direktorat für Internationale Beziehungen und Alumni-Angelegenheiten
Foto: Dr. Thomas Pechacek