Jugendliche, die vor der Operation virtuelle Realität (VR) nutzten, berichteten kurz nach dem Eingriff über geringere Schmerzen. Das zeigt eine neue Studie der Semmelweis Universität, die im Journal of Pediatric Surgery veröffentlicht wurde. Die Untersuchung zeigte jedoch, dass VR die Angst vor der Operation nicht verringerte, auch wenn sie möglicherweise helfen kann, postoperative Beschwerden zu lindern. 

Bei der Operation einer Trichterbrust werden ein oder mehrere gebogene Metallstäbe durch kleine Schnitte an beiden Seiten des Brustkorbs unter das Brustbein eingeführt und anschließend gedreht, um den eingesunkenen Brustkorb anzuheben. Durch den dauerhaften Druck auf die Brustwand ist die Zeit nach der Operation häufig sehr schmerzhaft.

An der randomisierten kontrollierten Studie an der Klinik für Kinderheilkunde der Semmelweis Universität nahmen 50 Jugendliche im Alter von 13 bis 18 Jahren teil, die wegen einer Trichterbrust (Pectus excavatum), einer Fehlbildung der Brustwand, operiert werden sollten. Die Hälfte der Teilnehmenden nutzte vor der Operation eine Stunde lang ein VR-Headset, die andere Hälfte erhielt die übliche präoperative Betreuung. 

In der VR-Gruppe entschieden sich Teilnehmer überwiegend für Action- und Abenteuervideos sowie Spiele, während Teilnehmerinnen vor allem Meditations- und Entspannungs-Apps auswählten. 

„Wir wollten untersuchen, ob VR die Angst vor einer Operation verringern kann. Diese Angst kann später bei Kindern zu Problemen wie Albträumen, Bettnässen oder Trennungsangst führen“, sagte Dr. Sarolta H. Trinh, PhD-Studentin an der Klinik für Kinderheilkunde der Semmelweis Universität und Erstautorin der Studie.

Die Ergebnisse zeigten keine signifikante Verringerung der Angst. In beiden Gruppen stieg das Angstniveau vom Zeitpunkt der Aufnahme bis zum Operationssaal an, ohne wesentliche Unterschiede zwischen den Gruppen. Nach Einschätzung der Forschenden könnte dies damit zusammenhängen, dass alle Jugendlichen routinemäßig vor der Operation Beruhigungsmittel erhielten, wodurch ein möglicher zusätzlicher Effekt von VR überdeckt worden sein könnte. 

Unterschiede zeigten sich allerdings bei den Schmerzen nach der Operation. In der ersten Stunde nach dem Eingriff berichtete die VR-Gruppe über niedrigere Schmerzwerte auf einer Skala von 0 bis 10 (Median 5 gegenüber 7,5). Zu späteren Zeitpunkten ließ sich dieser Unterschied jedoch nicht mehr feststellen. Die Forschenden betonen deshalb, dass dieses Ergebnis vorsichtig interpretiert werden sollte, da die Studie ursprünglich zur Untersuchung von Angst konzipiert wurde. 

„Der Unterschied bei den postoperativen Schmerzen hat auch uns überrascht. Allerdings zeigte er sich nur in der ersten Stunde nach der Operation, sodass die klinische Relevanz begrenzt ist. Trotzdem spricht vieles dafür, den Einsatz von VR in der chirurgischen Versorgung weiter zu untersuchen“, sagte Dr. Ágnes Jermendy, Assistenzprofessorin an der Klinik für Kinderheilkunde der Semmelweis Universität und gemeinsame Letztautorin der Studie.

Die Forschenden gehen davon aus, dass VR vor allem durch Ablenkung wirkt. Bei jüngeren Kindern sind positive Effekte sowohl bei Schmerzen als auch bei Angst bereits nachgewiesen. Für Jugendliche gibt es bislang jedoch nur wenige Daten. Die Studie liefert deshalb neue Erkenntnisse für eine Altersgruppe, die in der bisherigen Forschung vergleichsweise wenig untersucht wurde. 

Nach Ansicht der Forschenden könnte VR künftig eine sinnvolle Ergänzung in der chirurgischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen sein. 

„VR würde Schmerzmittel oder eine angemessene Anästhesie natürlich nicht ersetzen. Die Technologie könnte aber helfen, chirurgische Abläufe besser zu organisieren und den Krankenhausaufenthalt für junge Patientinnen und Patienten angenehmer zu machen“, ergänzte Dr. Balázs Hauser, Oberarzt am Institut für Anästhesiologie und Perioperative Patientenversorgung der Semmelweis Universität, Leiter des an der Studie beteiligten Anästhesieteams und gemeinsamer Letztautor. 

Künftige Studien könnten außerdem untersuchen, wie VR während der Genesung eingesetzt werden kann, etwa in der frühen Rehabilitation oder zur Verringerung von Stress im Krankenhaus. Weitere Forschung ist notwendig, um herauszufinden, welche Patientengruppen am meisten davon profitieren könnten. 

Fotos: Boglárka Zellei, Attila Kovács – Semmelweis Universität