Forscherinnen und Forscher der Semmelweis Universität untersuchten bei Studierenden im Alter von 18 bis 35 Jahren den Zusammenhang zwischen Smartphone-Nutzung, psychischer und körperlicher Gesundheit sowie kognitiven Funktionen. In Online-Fragebögen gaben die Teilnehmenden an, ob sie aufgrund ihrer Smartphone-Nutzung schon einmal eine geplante Aufgabe verpasst hatten und ob sie auch dann an ihr Smartphone dachten, wenn sie es gerade nicht benutzten. Außerdem wurden sie zu ihrer täglichen aktiven Nutzungsdauer sowie zu den Aktivitäten befragt, für die sie ihr Gerät verwendeten.
Auch die Persönlichkeitsmerkmale und der psychische Zustand der Teilnehmenden wurden erfasst. Ein Fragebogen maß den Neurotizismus, also die Neigung, negative Emotionen wie Angst, Niedergeschlagenheit, Furcht und Ärger zu erleben. Ein weiterer erfasste die Selbstkontrolle, ein dritter die FOMO – also die Angst, Ereignisse und Aktivitäten von Gleichaltrigen zu verpassen.
Auf Grundlage der Nutzungsmuster identifizierten die Forschenden drei Gruppen. ”Rein soziale Nutzer” verwendeten ihr Smartphone hauptsächlich zur Kommunikation mit Freunden und Bekannten sowie zum Aufbau sozialer Kontakte. ”Leichte Prozess-Nutzer” verbrachten weniger als vier bis fünf Stunden pro Tag am Smartphone für soziale Aktivitäten, Nachrichten, Unterhaltung und passives Scrollen. Rund ein Drittel der Teilnehmenden wurde als ”schwere Prozess-Nutzer” eingestuft; sie nutzten ihr Smartphone mindestens vier bis fünf Stunden pro Tag, überwiegend zum Konsum von Inhalten und weniger zur sozialen Kommunikation.
„Unsere wichtigste Erkenntnis ist, dass die Persönlichkeit allein – etwa ein hoher Neurotizismus – niemanden automatisch handysüchtig macht. Menschen, die eher zu negativen Emotionen wie Angst, Depression oder Stress neigen, werden nicht zwangsläufig abhängig. Entscheidend ist vielmehr, wie gut sie ihr Verhalten, ihre Emotionen und Impulse kontrollieren können und wie stark ihre Angst ist, etwas zu verpassen“, sagte Dr. Johanna Takács, leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Semmelweis-Universität und Hauptautorin der Studie.
Die Studie zeigt, dass nicht die verbrachte Zeit das Hauptproblem ist, sondern die Art der Nutzung.
Passives Scrollen in sozialen Medien – etwa das Anschauen kurzer Videos oder das Durchsuchen von Feeds – setzt das Gehirn ständig schnellen Reizen aus. Dies überlastet die Aufmerksamkeit, verringert die Konzentration und kann langfristig zu mentaler Erschöpfung führen.
Kognitive Tests ergaben, dass „schwere Prozess-Nutzer“ bei Aufmerksamkeits- und Gedächtnisaufgaben schlechter abschnitten, als es ihrem Alter entsprechen würde. Sie schliefen zudem schlechter, verspürten ein stärkeres Bedürfnis nach ständiger neuer Stimulation und hatten größere Schwierigkeiten, ihre Impulse zu kontrollieren, wenn sie etwas sofort überprüfen oder erledigen wollten.
Die Studie ergab außerdem, dass die Dauer der Smartphone-Nutzung vor allem mit körperlichen Folgen zusammenhängt.
„Wenn Menschen ihr Smartphone auf Taillen- oder Brusthöhe halten und nach unten schauen, bewegt sich der Kopf nach vorne – es entsteht eine sogenannte Vorverlagerung des Kopfes, auch als „Text-Neck“ bekannt. Das belastet den Nacken zusätzlich und kann Schmerzen oder einen vorzeitigen Verschleiß der Halswirbelgelenke verursachen. Der Nacken enthält Rezeptoren, die dem Gehirn Informationen über die Kopfposition liefern. Wird eine vorverlagerte Kopfhaltung über längere Zeit beibehalten, können sich diese Signale verändern und zu Gleichgewichtsproblemen führen. Diese Effekte beschränken sich nicht nur auf die Smartphone-Nutzung, sondern können auch alltägliche Bewegungen beeinflussen“, erklärte Beáta Seregély, Assistenzdozentin und für die körperlichen Messungen der Studie verantwortliche Expertin.
Die Forschenden betonen, dass es nicht darum gehe, Smartphones zu verbieten oder junge Menschen für ihre Nutzung zu bestrafen. Vielmehr solle der Fokus darauf liegen, sie zu einem bewussteren Umgang mit Smartphones zu befähigen. Es gibt einfache Maßnahmen, die helfen können, etwa das Einschränken von Benachrichtigungen – insbesondere aus sozialen Medien und Messenger-Apps –, das Festlegen von Zeitlimits für soziale Netzwerke, der Verzicht auf die Smartphone-Nutzung vor dem Schlafengehen sowie die Förderung körperlicher Aktivität und einer guten Körperhaltung.
Für die psychische Prävention ist es besonders wichtig, jungen Menschen zu helfen, ihre Selbstkontrolle zu stärken und weniger Angst davor zu haben, soziale Ereignisse zu verpassen. Dies lässt sich durch Verhaltenstraining und psychologische Unterstützung fördern. Wenn die Selbstkontrolle zunimmt und die FoMO abnimmt, sinkt das Risiko einer Smartphone-Abhängigkeit deutlich – auch bei sensibleren, ängstlicheren oder stressanfälligeren Personen.
Fotos: Boglárka Zellei – Semmelweis Universität
Titelbild und Illustration: iStock by Getty Images/guruXOOX