Der Verzehr von Nüssen in symptomfreien Phasen erhöht demnach nicht das Risiko für die häufige Darmentzündung Divertikulitis, sondern kann dieses sogar leicht senken, wie eine aktuelle Studie der Semmelweis Universität zeigt. Die Forscher analysierten die Daten von rund 800.000 Menschen, um zu klären, ob der weitverbreitete Ratschlag, dass Menschen, die an dieser Krankheit leiden, Nüsse meiden sollten, gerechtfertigt ist – oder ob es sich dabei nur um ein urbanes Gerücht handelt.
In der Studie wurden die Auswirkungen des Verzehrs von Nüssen – beispielsweise Erdnüsse, Mandeln, Walnüsse, Pistazien, Sonnenblumenkerne und Sesam, aber auch Mais und Popcorn – analysiert. Insgesamt verglichen die Forscher die Ergebnisse von neun Studien, in denen Daten von mehr als zwei Millionen Personen-Jahren* ausgewertet wurden. Dabei konnte kein Zusammenhang zwischen dem Verzehr von Nüssen und der Entstehung von Divertikulitis festgestellt werden – im Gegenteil, mehrere Daten deuteten auf eine schützende Wirkung hin.
Von Divertikulose spricht man, wenn sich an der Wand des Dickdarms kleine Ausstülpungen bilden, die in den meisten Fällen symptomfrei sind. Sind diese jedoch entzündet, spricht man von Divertikulitis. Sie kann Bauchschmerzen, Fieber und Stuhlgangstörungen verursachen. In schwereren Fällen kann es auch zu Abszessen, Perforationen oder Darmverschlüssen kommen.
„Menschen, die an Divertikulose leiden, wurde jahrzehntelang geraten, Nüsse und Samen zu meiden. In Fachkreisen herrschte die Meinung, dass kleine Stücke davon in den Ausstülpungen der Darmwand stecken bleiben und Entzündungen verursachen könnten. Dafür gab es jedoch keine ernsthaften Beweise“ – sagt Dr. Konstantinos Voniatis, Erstautor der Studie und Assistenzarzt an der Klinik für Chirurgie, Transplantation und Gastroenterologie der Semmelweis Universität. „Obwohl in den letzten Jahren mehrere Studien diese Ansicht infrage gestellt haben, erhalten Patienten auch heute noch oft widersprüchliche Ratschläge. Unsere Studie fasst die verfügbaren Beweise zusammen und könnte dazu beitragen, diesen Mythos endgültig zu widerlegen.“
Die Forscher der Semmelweis Universität verwendeten mehrere Methoden, um die Zuverlässigkeit der Ergebnisse zu überprüfen. Sie bewerteten die Qualität früherer Studien, nahmen eine Risikoanalyse hinsichtlich möglicher Verzerrungen vor und berechneten schließlich anhand einer kombinierten Analyse das Risiko für die Entwicklung einer Divertikulitis in Abhängigkeit vom Verzehr von Erdnüssen. Zudem untersuchten sie, welchen Einfluss die Tatsache, dass Menschen, die mehr Haselnüsse essen, in der Regel eine gesündere, ballaststoff- und gemüsereiche Ernährung haben, auf die Ergebnisse hat, und wie sich das Risiko mit der Verzehrmenge verändert.
Bei den Nuss-Konsumenten war das Risiko einer Divertikulitis um etwa 11 % geringer als bei Patienten, die in symptomfreien Phasen keine Nüsse aßen. Dieses Ergebnis war jedoch statistisch nicht signifikant. Berücksichtigte die Analyse auch die allgemeinen Auswirkungen einer gesünderen Ernährung, sank das Risikoverhältnis auf 0,75. Dies entspricht einer statistisch nachweisbaren Risikoreduktion von 25 %. Die Dosis-Wirkungs-Analyse ergab, dass ein moderater wöchentlicher Verzehr von mindestens zwei Portionen à etwa 28 Gramm Erdnüssen und Samen mit einem um etwa 5 % geringeren Risiko verbunden war.
Von den neun Studien zeigten sechs eine schützende Wirkung, zwei einen neutralen Zusammenhang und eine ein negatives Ergebnis. Die letztgenannte Untersuchung befasste sich jedoch mit dem sogenannten Betel-Kauen. Da dies nicht mit dem allgemeinen Verzehr von Erdnüssen und Samen vergleichbar ist, wurde dieses Ergebnis in der aktuellen Metaanalyse nicht berücksichtigt.
Eine im Jahr 2008 durchgeführte amerikanische Studie mit mehr als 47.000 männlichen Teilnehmern widerlegte erstmals den Zusammenhang zwischen dem Verzehr von Erdnüssen oder Popcorn und Divertikulitis. Dies führte später zu zahlreichen neuen Forschungsarbeiten.
Gemäß den aktuellen internationalen Richtlinien sollten Nüsse, Samen und Popcorn in symptomfreien Phasen der Divertikulose nicht gemieden werden. Sowohl die American Gastroenterological Association (AGA) als auch das britische National Institute for Health and Care Excellence (NICE) betonen, dass von diesen Lebensmitteln keine Risikoerhöhung ausgeht.
Divertikulose betrifft vor allem ältere Menschen. Bei 15 bis 30 Prozent der 50- bis 59-Jährigen und bei bis zu 60 Prozent der über 70-Jährigen können Divertikel nachgewiesen werden. Männer und Frauen sind in ähnlichem Maße betroffen, allerdings kann das Alter, in dem die Erkrankung auftritt, je nach Geschlecht und Region variieren. Bei etwa zehn Prozent der Patienten kommt es im Laufe ihres Lebens zu einer Entzündung.
„Zur Vorbeugung von Divertikulitis sind eine ballaststoffreiche Ernährung – einschließlich eines moderaten Verzehrs von Nüssen –, regelmäßige Bewegung, ein gesundes Körpergewicht, der Verzicht auf Rauchen und die Beobachtung der Symptome nach wie vor am wichtigsten“ – fügt Dr. Voniatis hinzu.
Bei Divertikulitis, also einer entzündlichen Episode, wird empfohlen, so schnell wie möglich einen Arzt aufzusuchen. Dieser informiert über die erforderliche Behandlung, die Ernährung und gegebenenfalls die Details einer Antibiotikatherapie.
Um die Ergebnisse der aktuellen Studie zu bestätigen, sind laut dem Fazit der Forscher von Semmelweis weitere Untersuchungen erforderlich.
* Anzahl der Personen multipliziert mit den Jahren ihrer Nachbeobachtung.
Angelika Erdélyi
Fotos: Bálint Barta – Semmelweis Universität
Titelbild: Envato/Olga Kochina
Übersetzung: Judit Szlovák