Laut einer neuen Analyse, die sich auf Hunderte von Online-Videos stützt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen während des Schlafwandelns komplexe manuelle Tätigkeiten wie den Umgang mit Elektrizität oder Küchengeräten ausführen, doppelt so hoch wie bei Männern. Frauen zeigten auch doppelt so häufig wie Männer während der Schlafwandel-Episoden Emotionen. Die Wahrscheinlichkeit des Schlafwandelns war bei älteren Menschen deutlich geringer als bei jüngeren Erwachsenen und Kindern.

Parasomnien sind häufige Schlafstörungen, die das Risiko von Verletzungen mit sich bringen. Viele Aktivitäten im Schlaf sind harmlos, doch wurden in Literatur bereits Gewalttaten und sogar Mord im Schlaf beschreiben, was Fragen der Verantwortlichkeit aufwirft.


Forscher der Semmelweis Universität in Budapest, durchsuchten YouTube zwischen Januar und Juli 2022 mit den Begriffen „Schlafwandeln“, „Somnambulismus“, „Essen im Schlaf“, „Sex im Schlaf “, „Reden im Schlaf“, und Aggression im Schlaf auf Englisch, Französisch, Deutsch, Ungarisch, Portugiesisch und Russisch.
 
Nach den ersten 758 Ergebnissen wählten die ungarischen Forscher 224 Videos (102 Frauen, 68 Kindern, 16 Erwachsene und 40 ältere Menschen) aus, die wahrscheinlich auf Parasomnien hinweisen, um zu analysieren, ob es Unterschiede zwischen den Alters- und Geschlechtsgruppe in Bezug auf schlafbezogene Verhaltensweisen gibt.
 
Die Forscher bildeten zwei Geschlechter (männlich/weiblich) und drei Altersgruppen (Kinder oder Jugendlicher ≤) 17 Jahre; Erwachsener zwischen 15 und 55 Jahren; und älterer Mensch ≥ 56 Jahre).
Sie fanden heraus, dass ältere Menschen im Vergleich zu Erwachsenen und Kindern deutlich seltener schlafwandeln.
 
In Vergleich zu Kindern oder älteren Menschen hatten jüngere Erwachsene sine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit, während des Schlafwandels komplexe manuelle Tätigkeiten auszuführen, z.B. mit Elektrizität oder Küchengeräten umzugehen, und bei Frauen war die Wahrscheinlichkeit für diese Verhaltensweisen mehr als doppelt so hoch wie bei Männern.
Auch risikoreichere Verhaltensweisen wie das Verlassen des Hauses oder Autofahren beim Schlafwandeln waren bei älteren Menschen deutlich seltener als bei der jüngeren Generation.
 
„Aufsitzen, Aufstehen und Umhergehen sind typisch für die so genannten NREM-Parasomnien (Non-Rapid-Eye-Movement), die meist in der Tiefschlafphase des Schlafzyklus auftreten. In diesem Fall schwankt die Person zwischen Schlaf und Wachsein. Dies kann manchmal mit dem Autofahren verbunden sein. Die Person im Halbschlaf kann essen oder sogar Sex haben“ erklärt Vivian Correra, Doktorandin am Institut für Verhaltenswissenschaft der Semmelweis Universität und Erstautorin einer im Journal of Clinical Neuroscience veröffentlichten Studie, die die Bedeutung des Risikomanagements bei Parasomnien hervorhebt.
 
Eine andere Form der Parasomnie (REM-Verhaltensstörung) tritt in der so genannt REM-Phase des Schlafes auf und ermöglicht es den Patienten, ihre Träume zu verwirklichen, wobei es manchmal zu Verletzungen der betroffenen Person oder des Partners, der neben ihnen liegt, führt.
 
In der Semmelweis-Studie führten ältere Männer im Vergleich zu Erwachsenen und Kindern vierzigmal häufiger aggressive Bewegungen im Bett aus, und siebzigmal häufiger komplexe Bewegungen als die jüngere Generation.
 
Nach Angaben in der Literatur sind 10-15%der Kinder von Schlafstörungen betroffen.
Die meisten von ihnen entwickeln sich jedoch weiter, und im Erwachsenenalter sind sie weniger häufig (3-4%) und im Alter noch seltener.
 
„Unsere Ergebnisse stimmen mint Parasomnien in allen Alters- und Geschlechtsgruppen überein und können zur Verbesserung des Risikomanagements beitragen. Ältere Menschen haben ein geringes Risiko für Schlafwandeln, was auf einen anderen Mechanismus als bei Kindern hinweist. Gleichzeitig überwiegen bei Männern aggressive Verhaltensweisen, die wahrscheinlich auf eine REM-verhaltensstörung zurückzuführen sind, und bei Frauen mittleren Alters ist die Wahrscheinlichkeit komplexer, riskanter Aktivitäten während des Schlafs bemerkenswert hoch, was beides Erklärungen und weitere Forschung erfordert“, sagt Anna Szűcs Neurologin und Psychiaterin am Institut für Verhaltenswissenschaft.
 
Die meisten Patienten suchen erst nach belastenden oder traumatischen Schlafepisoden einen Arzt auf – so die Experten. Die Identifizierung alters- und geschlechtsspezifischer Risikofaktoren könnte jedoch dazu beitragen, diese belastenden Erfahrungen zu vermeiden. Manchmal können Melatonin, Benzodiazepine und antiepileptische Tabletten helfen. Die Patienten tragen auch selbst zu ihrem Wohlbefinden bei, indem sie genügend Schlaf zu denselben Schlafenzeitenbekommen und versuchen, Stress und Ängste zu vermeiden, da Schlafentzug die Symptome verschlimmern kann.
 
Angelika Erdélyi
Foto: Bálint Barta – Semmelweis Universität ; Illustration: iStock
Übersetzung: Patrícia Hellinger