No. of vaccines administered at Semmelweis University -28 November 2022
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Botulinumtoxin (BTX), das in die Stirn injiziert wird, kann bei der Behandlung einiger psychischer Erkrankungen helfen, dafür sprechen Ergebnisse eines gemeinsamen Forschungsprojekts von Semmelweis und der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Laut einer in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlichten Studie wiesen Frauen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung, die im Rahmen der Studie mit BTX  behandelt wurden, eine verringerte Aktivität in dem Bereich des Gehirns auf, der für die Verarbeitung negativer Gefühle zuständig ist. Die neuen Ergebnisse stehen im Einklang mit früheren Forschungsergebnissen, die zeigen, dass BTX auch bei der Behandlung von psychischen Problemen wie Depressionen und Angststörungen nützlich sein kann.

ForscherInnen des Asklepios Campus Hamburg, der deutschen Niederlassung der Semmelweis Universität und der MHH untersuchten, wie Botulinumtoxin (BTX oder wie viele Menschen es kennen Botox), das in die Muskeln der Stirn injiziert wird, die Verarbeitung emotionaler Reize und impulsives Verhalten beeinflussen kann.

An der Studie nahmen 45 Frauen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPD) teil, einer Erkrankung, die mit instabilen Emotionen, Impulsivität und Schwierigkeiten in der Gestaltung von zwischenmenschlichen Beziehungen. Die PatientInnen erleben stärker als der Durchschnitt negative Emotionen wie Wut oder Angst.

Eine Gruppe von Studienteilnehmerinnen erhielt BTX-Injektionen, die anderen erhielten Akupunktur. Vor der Behandlung und vier Wochen später wurde den Teilnehmerinnen eine so genannte emotionale Go/No-Go-Aufgabe gestellt, bei der sie ihre Reaktionen auf bestimmte Hinweise kontrollieren mussten, während ihnen Bilder von Gesichtern mit verschiedenen emotionalen Ausdrücken auf einem Computerbildschirm präsentiert wurden – dabei scannten die Forscher ihre Gehirne mit funktioneller Kernspintomographie (fMRT).

„Auf der Grundlage früherer Forschungen stellten wir die Hypothese auf, dass die Entspannung der Stirnmuskeln mit BTX-Injektionen eine Rückkopplungsschleife zwischen dem Gesicht und dem Gehirn unterbrechen und damit negative Emotionen reduzieren würde“, erklärte Dr. Axel Wollmer, Forscher und Dozent am Asklepios Campus Hamburg der Semmelweis Universität. Der korrespondierende Autor der Studie fügte hinzu:

Die fMRT-Scans zeigten, dass die mit BTX-Injektionen behandelten PatientInnen eine verringerte Aktivität in der Amygdala-Region des Gehirns aufwiesen, die für die Verarbeitung negativer Emotionen verantwortlich ist.

Die BTX-Studien des Forscherteams bezieht sich auf die von William James und Charles Darwin im 19. Jahrhundert formulierte  „facial feedback“ Hypothese: Negative Emotionen werden, erkennbar an den sogenannten Zornesfalten über der Nasenwurzel, durch Anspannung der Muskeln im unteren  Bereich der Stirn, zwischen den Augenbrauen, zum Ausdruck gebracht. Rückmeldungen über den Spannungszustand der Muskeln, die aus dem Gesicht an das Gehirn geschickt werden verstärken die ausgedrückten Emotionen  Die Injektion von BTX in diesem Bereich entspannt die Muskeln und unterbricht so die Rückkopplungsschleife. Negative Emotionen weniger stark empfunden. Dadurch können sich die Symptome einer psychischen Störung, z.B. einer Depression bessern – erklärt Dr. Axel Wollmer.

Frühere Forschungen lassen jedoch vermuten, dass ähnliche Rückkopplungsprozess zwischen Muskeln und Gehirn auch in anderen Körperregionen stattfindet.

In einer Studie aus dem Jahr 2021 fanden die Forscher in Zusammenarbeit mit der University of California San Diego heraus, dass Botulinumtoxin auch gegen Angststörungen helfen könntekann. Die Datenbank der amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) analysierte die Feedbacks von 40.000 PatientInnen, die eine BTX-Behandlung erhalten hatten, und konzentrierte sich dabei auf die positiven Nebenwirkungen. Hier erhielten die PatientInnen Botulinumtoxin nicht nur zu kosmetischen Zwecken und nicht nur in der Stirnmuskulatur, sondern auch zur Behandlung anderer Erkrankungen –  beispielsweise in die Kopfmuskeln bei Migräne, in die oberen und unteren Gliedmaßen bei Krämpfen oder in die Nackenmuskeln bei Nackensteife. Die Forscher fanden heraus, dass Angststörungen bei diesen PatientInnen um 22-72 Prozent seltener auftraten als bei PatientInnen, die mit anderen Therapien als Botulinumtoxin für ähnliche Erkrankungen behandelt wurden.

Sie folgerten, dass entweder die Nerven in den mit BTX behandelten Muskelgruppen mit dem Gehirn in Form einer Rückkoppelung kommunizieren oder dass das Botulinumtoxin irgendwie in das zentrale Nervensystem gelangt.

Dieselbe Datenbank analysierten sie bereits im Jahr 2020 , um die mögliche antidepressive Wirkung von BTX-Injektionen zu untersuchen. Sie fanden, dass BTX nicht nur wie bereits zuvor in klinischen Studien gezeigt zur Behandlung von Depressionen eingesetzt werden kann, sondern dass es auch vor der Entwicklung von Depressionen schützen kann.

„Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leiden weltweit rund 280 Millionen Menschen an Depressionen. Klassische Behandlungsmethoden wie Psychotherapie oder antidepressive Medikamente sind bei etwa einem Drittel der behandelten PatientInnen nur teilweise wirksam, also müssen neue Methoden entwickelt werden, und hier könnte Botulinumtoxin-Injektion eine Rolle spielen“ – erklärt Dr. Wollmer.

Der Asklepios Campus Hamburg (ACH) ist ein 2008 gegründetes externes Ausbildungszentrum der Medizinischen Fakultät der Semmelweis Universität, Budapest. Nach den ersten beiden Jahren der theoretischen Ausbildung können die deutschsprachigen StudentInnen der Universität ab dem dritten Jahr ihr Studium an der ACH in Hamburg fortsetzen. Im Sommer 2022 erhielten 54 StudentInnen ihre Diplome in Hamburg. Einschließlich derjenigen, die ihren Abschluss in Ungarn machten, absolvierten im Studienjahr 2021/2022 insgesamt 187 Medizin- und Zahnmedizin StudentInnen im deutschsprachigen Studiengang der Universität.

 

Angelika Erdélyi, Eszter Kovács

Übersetzung: Ágnes Barta

Photo: iStock – Ihor Bulyhin (Illustration); Porträt: Dr. Axel Wollmer – Asklepios Campus Hamburg, Semmelweis Universität

Titelbild (Illustration): iStock – Ihor Bulyhin